Weingut WoW by Wolfgang Bender

Das Märchen von gut und böse

Immer mehr von Euch kaufen Bioprodukte und immer mehr landwirtschaftliche Betriebe lassen sich um diesem Trend zu folgen zertifizieren. Ich selbst habe sehr früh mit dem Gedanken gespielt mich zertifizieren zu lassen aber diese Überlegung direkt fallen lassen als ich mich tiefer mit dem Thema befasst habe. Für konventionelle Landwirtschaft gibt es nämlich tatsächlich ernst zu nehmende und gute Gründe nicht überhaupt nichts mit der Kostenstruktur und Erntemenge zu tun haben sondern ganz einfach die Natur in den Mittelpunkt der Überlegungen stellt.

Mein Weingut bewirtschaftet 13 ha Weinberge, konventionell aber freiwillig im Kontrolliert umweltschonenden Weinbau zertifiziert und mit zusätzlichen Kontrollen. Warum? Weil ich überhaupt gar nichts von meiner Arbeitsweise umstellen musste und trotzdem diesen Anforderungen entspreche. Wir verzichten freiwillig auf Herbizide (wie z.B. Glyphosat) und wir verzichten wie unsere gesamte Gemarkung auf Insektizide in dem wir gemeinschaftlich seit mehr als 18 Jahren Pheromone, also sexuelle Lockstoffe, aushängen um unseren Hauptschädling, den Traubenwickler, zu verwirren und eine Vermehrung zu unterbinden. Darüber hinaus bemühen wir uns um schonende Bodenbearbeitung und abwechslungsreiche Begrünung mit Blüten für Insekten und Bienen. Auch im Weinausbau legen wir viel wert auf gesundes Lesegut, niedrige Ernten und damit hoher Qualität und vor allem sehr wenig Schwefelbedarf im fertigen Wein. Unsere Schwefelwerte liegen meistens im Demeterbereich oder im Biobereich. Für viele klingt meine Arbeitsweise immer nach „Bio“ aber genau das sind wir eben nicht und sogar aus voller Überzeugung.

Zunächst einmal möchte ich klar stellen, dass es für mich gar keine zwei Welten gibt in der alle Biobauern gut oder schlecht sind und umgekehrt alle konventionellen Bauern gut oder schlecht sind. Es gibt einfach Landwirte die den gesetzlichen Rahmen im höchsten Maße ausnutzen ohne sich weiter mit den Auswirkungen auf die Umwelt zu beschäftigen und es gibt Landwirte denen ihre Böden und die Umwelt wichtig sind. Erst genannte Gruppe trifft zum Glück auf einen sehr kleinen Teil von Landwirten und wohl eher auf Agrarriesen zu. Wobei ich gestehen muss, dass ich hier in erster Linie für Weinbauern spreche denn das ist mein Fachgebiet in dem ich mich seit 2011 täglich bewege. Es gibt auch keine Welt ohne und mit Pflanzenschutz und keine Welt in der Bauern Pestizide anwenden und andere keine. Jeder Landwirt, egal ob bio oder konventionell muss Pflanzenschutz betreiben und das mit Mitteln die sich Pflanzenschutzmittel nennen. Die Grünen und auch viele Bioverbände nutzen gerne Kampfbegriffe wie „Pestizide“ für Pflanzenschutzmittel aber diesen Begriff gibt es überhaupt nicht und er steht 1:1 für Pflanzenschutzmittel und damit auch für Biomittel.

Der Unterschied in der Mittelauswahl liegt darin, dass Biomittel reine Kontaktmittel sind die nur auf der Pflanze wirken und vor einem Schadbefall schützen. Diese Mittel sind deshalb Biomittel weil sie natürlich sind und eben nicht systemisch hergestellt werden müssen. Zwei wichtige Mittel im Bioanbau sind zum Beispiel Schwefel, Kupfer und Backpulver. Kupfer wird in einer Höchstmenge von 2 Kg pro Ha Weinberge je nach Bedarf ausgebracht um durch eine Benetzung der grünen Rebteile vor allem vor einem Befall von Peronospora zu schützen. Die benötigte Menge hängt stark von der Witterung ab und dem Zuwuchs der Rebe. In der Regel muss man mit solchen Kontaktmittel jede Woche einmal Pflanzenschutz betreiben, was bei meiner Betriebsgröße ca. 13 Stunden Arbeit pro Woche bedeutet. Schwefel schütz vor Oidium und Backpulver kann den Pilzbefall eintrocknen falls eine kurative Maßnahme nicht ausreichend war. Dem Konventionellen Winzer stehen zusätzlich zu diesen und weiteren Kontaktmitteln aus dem Biobereich noch tiefenwirksame Pflanzenschutzmittel zur Verfügung die systemisch hergestellt wurden und in der Pflanze wirken. Die Liste der erlaubten Mittel ist überschaubar aber hält doch eine sehr große Auswahl gegen alle möglichen Krankheiten bereit. Diese Mittel dringen in die Pflanze ein und schützen dort die Grünteile vor Befall. Da diese Mittel sich in der Pflanze ausbreiten und je nach Mittel auch eine gewisse Zeit Neuzuwachs mit schützen, liegen die Pflanzenschutzinterwalle bei etwas 12- 14 Tagen. Die Mittel zerfallen in der Pflanze nach einer gewissen Zeit zu anderen Stoffen und bauen sich damit ab, verlieren aber auch ihre Wirkung. Daher gibt es ganz enge Bestimmungen wie lange man nach der letzten Anwendung die Trauben nicht ernten darf. Aus Sicherheitsgründen dehnt man in der Anwendung dieses Zeitfenster bis auf das Doppelte aus, in vielen Fällen wendet man auch einfach bei den letzten Pflanzenschutzmaßnahmen vor der Ernte Kontaktmittel, also Biomittel an.

Jetzt haben alle diese Mittel Vorteile und Nachteile die aber in der Öffentlichkeit überhaupt keinen Diskussionsraum finden weil eine übermächtige Bio lobby es geschafft hat, nicht nur bei Politikern sondern auch in der breiten Bevölkerung, zwei Welten zu erschaffen in denen die einen als wackere Biokämpfer die Welt retten wollen und dabei gegen die bösen Bodenvergifter in Form von konventionellen Landwirten kämpfen. Nun möchte ich keinesfalls behaupten die komplexen Vorteile und Nachteile der jeweiligen Mittel vollends mit ihrer ganzheitlichen Wirkung auf die Natur und damit auf Boden, Nützlinge und Schädlinge zu erfassen. Ich möchte euch hier lediglich meine ganz individuellen Überlegungen darlegen warum ich bis heute nicht nach Biokriterien meine Weinberge bewirtschafte und das nach derzeitigen Regeln auch nicht mit meinem Gewissen vereinbaren kann.

Schaut man sich zunächst die Auswirkungen auf Bienen und Nützlinge der einzelnen Mittel an stellt man schnell fest, dass Biomittel nicht raubmilbenschonender sind als konventionelle Mittel sondern meist sogar schlechter im vergleich abschneiden. Diese Tatsache allein, die Tabellen kann jeder im Internet finden, hat mich zu der Erkenntnis gebracht, dass es zunächst erst einmal wichtig ist jedes mittel mit sehr viel Bedacht anzuwenden. Mir wurde schnell klar, dass Biomittel gar nicht Biomittel sind weil sie in der letzten Konsequenz gut oder besser für die Natur sind als konventionelle Mittel sondern, dass sie einfach nur Biomittel sind weil sie „natürlich“ gewonnen werden. Dazu kam für mich ein wenig Erkenntnis aus der Chemie. Das Kupfer reagiert nicht und baut sich nicht ab. Es reichert sich einfach nur im Boden an. Betrachtet man den Pflanzenschutz zu einer Zeit als es die heute hochentwickelten systemischen Pflanzenschutzmittel noch nicht gab stößt man unweigerlich auf Unmengen von Kupfer die unsere Vorfahren ausgebracht haben weil es einfach keine Alternativen gab und die Anwendungsbestimmungen sehr locker waren. Ein Beispiel hierfür ist dabei der Erdaushub einer Umgehungsstraße im letzten Jahr im Nachbarort. Der Erdaushub aus gutem Mutterboden von ehemaligen Weinbergslagen sollte zunächst auf umliegende Felder verteilt werden. Eine Bodenanalyse, die mir leider nicht vorliegt, ergab allerdings, dass ein so hoher Kupferanteil im Boden ist, dass der Erdaushub gar nicht auf die umliegenden Felder verteilt werden darf. Also häufte man den Erdaushub neben der Autobahn an um ihn später einmal natürlich begrünen zu lassen.

Im letzten Abschnitt könnte man den Eindruck gewinnen, dass ich mich eben doch auf eine Seite schlage und den Einsatz von Kupfer verteufele. Das soll gar nicht der Fall sein denn auch die systemischen Mittel haben mit Sicherheit ähnliche negative Auswirkungen auf die Natur. Durch die geringere Aufwandmänge, da die systemischen Mittel einfach effektiver in der Tiefe wirken, und die halb so häufigen Anwendungen der Pflanzenschutzmittel stellen diese für mich einfach eine wichtige Größe in meinem Pflanzenschutzplan dar auf die ich weder verzichten kann noch möchte. Gerade zu Beginn der Pflanzenschutzsaison nutze ich Kontaktmittel und meistens auch gegen Ende. So komme ich auf 4-5 „Bio“ Anwendungen und 4-5 Konventionelle Anwendungen. Je nachdem wie die Witterung es eben möglich macht. Vergisst man auch nur einen einzigen Weinberg bei einer einzigen Anwendung kann es in der Parzelle zu 100% Ertragsaufall kommen wenn man ausgerechnet einen wichtigen Intervall verpasst hat. Die Präzission mit der heute Pflanzenschutzmittel ausgebracht werden ist überhaupt beachtlich und war für mich beeindruckend als ich meinen Pflanzenschutzschein gemacht habe. Modernste Keramikdüsen als Holkegel oder injektordüsen sorgen für eine perfekte Benetzung. Optimierte Luftströme und Recyclingeräte für immer weniger Abdrift.

Alleine die wenigeren Überfahrten die ich dadurch habe schaffen mir genug Raum um zum Beispiel die Zeit zu finden auf Herbizide zu verzichten. Diese werden im Weinbau ein bis zweimal im Jahr eingesetzt um im Unterstockbereich, also der 20-30cm breite streifen direkt unter den Reben, die Reben vor Beikraut zu schützen. Gerade in diesem bereich ist dies sehr wichtig um für eine gute Durchlüftung der Traubenzone zu sorgen, es Pilzsporen zu erschweren die Reben zu infizieren und der Rebe die Wasserkonkurrenz zu nehmen. Das Freihalten des Unterstockbereiches ist als ein wichtiger Bestandteil um weniger Mittel anwenden zu müssen. Noch dazu ist Glyphosat tatsächlich unbedenklich für den Menschen solange es nicht auf Pflanzenteile ausgebracht wird die wir später zu uns nehmen wie es bei genmanipuliertem Mais der Fall ist. Im Weinbau kommt es nicht in die Pflanze und den Wein weil die Pflanze absterben würde wenn Glyphosat in die Pflanze gelangen würde. Das heißt es würden nicht nur betroffene und getroffene Grünteile der Rebe absterben sondern die ganze Pflanze. Höchst unpraktisch bei einer Dauerkultur die mindestens 30 Jahre alt werden soll und oft noch viel älter. Der Anwender ist wohl der größten Gefahr ausgesetzt wie bei jedem Pflanzenschutzmittel denn auch Kupfer ist toxisch und ganz und gar nicht gesund. Also gilt es sich fachgerecht beim Anwenden und anrühren zu schützen und selbst das machen die wenigsten Winzer und werden trotzdem sehr alt obwohl sie über Jahrzente deutlich härtere Mittel ausgebracht haben und das mit deutlich mehr Kontakt da es Anwenderschutz noch gar nicht lange gibt.

Seit wir im Jahre 2015 zunächst schrittweise um 50% und dann 2016 zu 100% auf Herbizide verzichtet haben ist es meine größtere Herausforderung im Jahr diesen sensiblen Unterstockbereich von Beiräutern frei zu halten. Der Dieselverbrauch und die Anzahl der Überfahrten hat sich alleine dafür wesentlich erhöht. Dazu kommt die Tatsache, dass ich mit der Meschanichen Bekämpfung den bereich teilweise überhaupt nicht wirklich von Bewuchs frei bekomme und es mir immer wie ein Kampf gegen Windmühlen vor kommt. Ganz wichtig ist aber die Tatsache zu erwähnen, dass wir bei uns sehr flache Weinberge haben und es uns dadurch überhaupt erst möglich ist diese Maschinelle Bekämpfung durchzuführen. In anderen Weinbauregionen ist es ohnehin unmöglich eine so große Fläche fast alleine zu bewirtschaften und ohne Glyphosat wäre es unbezahlbar diese maschinelle Arbeit durchzuführen. Hier bräuchte man nämlich Personal das bereit ist mit einer Hacke kilometer für kilometer frei zu hacken. Mal ganz unabhängig von den Lohnkosten findet man einfach niemanden mehr der eine derartige Arbeit machen möchte. Für mich persönlich ist der Verzicht auf Herbizide also mehr ein konsequentes umsetzen der fachlichen Praxis in der es heißt: So viel wie nötig aber so wenig wie möglich! Und genau da liegt der Schuh begraben. Ich bin Direktvermarkter und kann die Preise meiner Weine festlegen. Diese sind in den letzten 8 Jahren in denen ich das Weingut habe signifikant gestiegen. Dazu sind die Verkaufszahlen der Weine ebenso gestiegen aber der Gewinn überhaupt nicht. Wir stecken alles was wir „verdienen“ in den Luxus unsere Weinberge auf eben die Art zu bewirtschaften wie wir es für richtig halten. Wir geben Geld für Begrünungen aus, verbringen unzählige Stunden mit maschineller Beikrautbekämpfung, kaufen Maschinen mit denen wir das Bodenleben fördern, verschicken unseren Wein möglichst in Umweltschonender Verpackung auf umweltschonenden Transportwegen, teilen uns Fahrzeuge auf dem Hof, stellen Fahrräder für alle Mitarbeiter zur Verfügung um ins Feld zu kommen und erhalten bestehende Gebäude in dem wir sie einer modernen Nutzung zuführen anstatt neu zu bauen. All das machen wir damit wir Ressourcen schonen, alle das machen wir damit unsere Nachkommen auch noch eine Lebensgrundlage haben und alle das machen wir ohne Staatlichen Zwänge, Verbandsdruck oder jemandem der uns vorschreibt was wir zu tun haben.

Wenn ihr eine Landwirtschaft fördern wollt die unseren Planeten nicht kaputt macht dann kauft keinen Wein unter 5 Euro die Flasche vom Winzer oder eben unter 9 Euro im Handel. Wenn er von der Mosel kommt dann überweist dem Winzer an der Mosel für jede Flasche das Doppelte wenn der Wein unter 10 Euro kostet. Verteufelt keine Landwirte pauschal weil sie kein Biozertifikat haben. Manche Bauern können sich alleine die teuren Zertifikate nicht leisten oder haben gute Gründe wie wir das Spiel nicht mitzuspielen. Vergesst die Versuchung es wäre so einfach die Welt zu retten in dem man einfach nur Bio kauft und dann ist es gut. Kauft Bio, kauft konventionell wenn euch der Wein schmeckt und euch die Winzerfamilien gefallen. Kauft vor allem Regional und damit meine ich lieber regional konventionell als Bio aus dem Ausland. Und lasst euch doch bitte von niemanden sagen was ihr zu tun habt sondern benutzt euren eigenen Verstand und lauft nicht den einfachsten Wahrheiten hinterher. Das Thema ist leider viel zu komplex als es überhaupt in einem Block nur Ansatzweise beleuchten zu können.

Noch ein letztes Schlusswort zur absurden Situation:

Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner wollte zu Beginn ihrer Amtszeit Phosporische Säure als Pflanzenschutzmittel für Biobetriebe zulassen. Hintergrund ist, dass dieses Mittel zwar systemisch hergestellt wird aber ein natürliches Pflanzenstärkungsmittel darstellt womit sich Aufwandmängen von Biomitteln sowie konventionellen Mitteln reduzieren lassen. Bis vor wenigen Jahren war Phosporische Säure sogar als Pflanzenstärkungsmittel im Bioanbau zugelassen. Es wurde erst verboten als es eine Zulassung als Pflanzenschutzmittel bekommen hat und die Bauern die stärkenden Eigenschaften der Phosporischen Säure eben genau dazu genutzt haben weniger andere Mittel zu benötigen. Julia Klöckner wurde dafür von den Grünen fast kaputt gemacht und hat zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung keine Unterstützung aus dem Biobereich bekommen. Es hieß immer nur: „Julia Klöckner will Pestizide im Bioanbau zulassen“ Da ihr nach diesem Artikel wisst, dass alle Biomittel gleichermaßen „Pestizide“ sind dürftet ihr die Ironie daran selbst erkennen. Momentan sorgen neue Anwenderbestimmungen für alle Pflanzenschutzmittel für einen Aufschrei in der Branche. Diese besagen, dass sieben Tage nach einer Pflanzenschutzanwendung die Weinberge nur mit Schutzanzug, Atemschutzmaske und Handschuhen betreten werden dürfen. Das ist nicht nur völlig übertrieben sondern auch bei den in der Pflanzenschutzsaison herrschenden Temperaturen im Weinberg einfach unmöglich. Da dies aber auch die Biobetriebe betrifft und diese sogar noch mehr (durch kürzere Anwendungsinterwalle) bin ich mir sicher, dass diese unsinnige Bestimmung oder zumindest die Bußgelder bei Verstößen wieder zurück genommen werden. Andernfalls ist das wandern auf Wirtschaftswegen zwischen Mai und September auch verboten und die Bissersheimer Hunde müssen ihr Geschäft im Ort verrichten. Ich habe eigentlich nur wenig übrig für Frau Klöckner aber in dieser absurden Welt Agrarpolitik machen zu wollen ist alleine eine Aufgabe vor der ich meinen Hut ziehe.